Bilder, die man nicht sucht und die trotzdem in Erinnerung bleiben

Claudia Brasse • 21. Juli 2026

Manche Bilder kommen erst später zu uns

Es gibt Bilder, an die wir uns nicht erinnern können, obwohl wir sie gesehen haben.


Und dann gibt es jene anderen.


Die, die sich nicht beim ersten Blick bemerkbar machen. Die keine spektakuläre Entdeckung sind und keine große innere Erschütterung auslösen. Sie schleichen sich eher in unser Leben, ganz unaufgeregt. Irgendwann stellen wir fest, dass sie da sind. Und wie lange schon!


Man weiß oft nicht genau, wann sie für uns bedeutend wurden.


Vielleicht hing das Bild jahrelang im Wohnzimmer bei Freunden oder Verwandten. Vielleicht blieb ein Kalenderblatt viel zu lange hängen. Vielleicht ging man in einem Museum mehrfach an einem Werk vorbei, bevor man plötzlich davor stehen blieb.


Manche Bilder suchen keine Aufmerksamkeit. Sie gewinnen sie mit der Zeit.


Mich haben in dieser Weise die Werke von Horst Janssen geprägt: Gerahmte Kalenderblätter von welken Blüten und morbiden Motiven gehörten zur Kulisse meiner Jugend. Später habe ich meine Eindrücke im Horst Janssen Museum in Oldenburg vertieft und Biografien gelesen und Bildbände studiert. Hier schreibe ich über Horst Janssen und den Einfluss seiner Kunst auf mich.


Der erste Eindruck wird oft überschätzt

Wir sprechen häufig über den ersten Eindruck. Dabei sind die nachhaltigsten Beziehungen nicht immer die stürmischsten. Das gilt offenbar auch für Bilder.


Es gibt Werke, die uns sofort beeindrucken. Ihre Farben sind leuchtend, ihre Komposition kraftvoll, ihre Geschichte faszinierend. Wir bewundern sie, fotografieren sie vielleicht sogar – und vergessen sie wenige Wochen später.


Andere Bilder verhalten sich beinahe höflich. Sie drängen sich nicht vor. Sie bleiben am Rand unseres Blickfeldes und warten ab. Und irgendwann sind sie vertraut geworden.


Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Wirkung.


Wohnzimmer mit Ölbild über dem Sofa, Einrichtung wie bei Oma und Opa

Die Kraft der Vertrautheit

Denn Vertrautheit ist keine kleine Schwester der Begeisterung. Sie besitzt eine eigene Kraft. Dinge, die uns über Jahre begleiten, werden Teil unserer inneren Landschaft. Wir müssen sie nicht ständig ansehen, um sie zu kennen.


Viele von uns tragen solche Bilder seit ihrer Kindheit mit sich.



Sie hingen im Elternhaus oder bei den Großeltern. Über dem Sofa. Im Flur. Im Esszimmer, wo die Nachmittagssonne auf den Rahmen fiel. Als Kinder fragen wir selten, warum ein Bild dort hängt. Wir nehmen es einfach als Teil der Welt wahr – ähnlich wie die Tapete, die Zimmerpflanze oder das leise Ticken einer Uhr.


Bilder als Zeitzeugen eines Familienlebens

Erst später begreifen wir, dass diese Bilder einmal eine Entscheidung waren: Jemand fand sie schön und kaufte sie, wollte täglich mit ihnen leben.


Sie erzählen deshalb nicht nur etwas über ihr dargestelltes Motiv, sondern auch über den Geschmack einer Zeit. Darin spiegeln sich Sehnsüchte, Moden und Lebensentwürfe. Wer heute durch alte Familienfotos blättert, kann ihnen dort begegnen: romantische Landschaften, Segelboote im Abendlicht, abstrahierte Drucke der Siebzigerjahre oder sorgfältig gerahmte Kunstdrucke berühmter Werke.


Manche betrachten wir später mit liebevoller Ironie. Andere überraschen uns und plötzlich verstehen wir, weshalb unsere Eltern oder Großeltern sie mochten.


Und dann gibt es diejenigen, die sich so tief eingeprägt haben, dass wir ihren Einfluss kaum noch bemerken.

Paula Modersohn Becker's Bild


Als gebürtige Bremerin war Paula Becker-Modersohn während meiner Jugend immer präsent für mich. Wir besuchten das ihr gewidmete Museum, und die Künstlerkolonie Worpswede hat schon früh eine große Faszination auf mich ausgeübt.

Dieses Bild "Flöte blasendes Mädchen im Birkenwald" gehört zu meinem biografischen Archiv, weil es bei Familie Teil der Einrichtung war seit ich denken kann.



Warum manche Werke Generationen überdauern

Die nächste Generation sieht dieselben Bilder oft mit anderen Augen. Was für die einen selbstverständlich war, wirkt auf die anderen nostalgisch, fremd oder wieder überraschend aktuell. Geschmack wandelt sich. Wirkung nicht unbedingt. Bilder leben länger als die Vorlieben, aus denen sie entstanden sind.


Manche Werke überdauern Generationen. Nicht jeder liebt dieselben Bilder, aber einige scheinen immer wieder Liebhaber zu finden. Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring gehört für mich dazu.


Dieses junge Gesicht, der über die Schulter geworfene Blick, das helle Licht auf der Haut – man könnte den Erfolg des Bildes kunsthistorisch erklären. Viel interessanter finde ich jedoch, dass Millionen Menschen eine ganz persönliche Beziehung dazu entwickeln. Das Gemälde wird nicht nur bewundert. Es wird erinnert. Es wird gefeiert und heute auch immer wieder neu interpretiert. 


Diese Bilder machen einen Unterschied. Wir erinnern uns an die, die uns begleitet haben.


Vermeer's

Die Bilder unserer Jugend

Wenn du heute älter als vierzig bist, erinnerst du dich  sicher noch an die Kunstposter deiner Jugend? Irgendwo hing ein van Gogh, ein Klimt, ein Matisse, oder ein Max Ernst - je nach Vorlieben. Oder ein Schwarz-Weiß-Fotomotiv, das unmissverständlich signalisieren sollte, dass man ein nachdenklicher Mensch war. Die Wahl des Posters war oft eine kleine Weltanschauung auf Papier. Es war ein Statement und durfte so lange bleiben, bis die erste eigene Wohnung nach erwachseneren Entscheidungen verlangte.



Heute existiert dieses Bedürfnis noch immer. Die Motive haben sich verändert, die Mechanik dahinter kaum. An die Stelle des gerahmten Kunstdrucks sind teilweise digitale Bildwelten, Designprints oder Street-Art-Ikonen getreten. Vielleicht hängt heute ein Banksy an der Wand, wo früher van Gogh hing.


Die eigentliche Frage

Welche Bilder wollen wir in unserer Nähe haben?


Denn Bilder sind mehr als Dekoration. Sie begleiten unsere Tage. Sie sind die Kulisse unseres Lebens und unsere stummen Mitbewohner.


Manche begleiten einen Lebensabschnitt und verschwinden irgendwann aus unserer Erinnerung. Einige bleiben und dürfen mit uns umziehen. Mal stehen sie in der ersten Reihe und mal werden sie in eine Nische verbannt. Manche übernehmen wir irgendwann aus unserem Elternhaus. 


Sie waren nicht unbedingt laut. Wir haben sie vielleicht nicht gesucht. Aber sie haben über Jahre etwas Besonderes geschafft: Sie wurden Teil unseres Lebens und unserer Geschichte.


Kennst du auch die Kunst-Begegnungen, die spontane Begeisterung auslösen?

Dann magst du vielleicht hier weiterlesen:


➡️ Was passiert, wenn ein Bild uns findet



Quellen Fotos: Pexels, Unsplash lizenzfrei und Paula Modersohn-Becker Bild CC-BY-NC-SA, Paula Modersohn-Becker Museum, von nat.museum-digital.de

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