Zur See: Wie ein Roman mein Bild „Claas“ beeinflusste - über Wandel und Identität

Claudia Brasse • 20. Juli 2026

Was bleibt von einem Menschen, wenn der Beruf, der ihn geprägt hat, verschwindet?



Diese Frage begleitete mich während der Lektüre von Zur See von Dörte Hansen – und sie beschäftigte mich auch noch, als das Porträt Claas entstand.


Zur See: Wie ein Roman mein Porträt

Eine Romanfigur, die nachhallt

Manchmal beginnt ein Bild nicht mit einem realen Menschen, sondern mit einer Geschichte.


Als ich Zur See von Dörte Hansen las, hat eine Figur einen besonders starken Eindruck bei mir hinterlassen: der ehemalige Kapitän zur See, der nun auf einer Fähre arbeitet. Die Vorstellung hat mich beschäftigt. Ein Mann, der einst auf dem offenen Meer unterwegs war, dessen Leben von Weite, Risiko und Ungewissheit geprägt war, fährt nun Tag für Tag dieselbe Strecke. Immer dieselben Anlegemanöver. Dieselben Fahrpläne. Dieselben Ufer.


Dieser Gegensatz hat mich berührt. Was für ein Wendepunkt im Leben!


Die Sehnsucht nach dem Meer

Ich habe Seemänner nie wirklich kennengelernt. Meine Vorstellung von ihnen stammt aus Romanen, Filmen, Liedern und Bildern. Sie ist geprägt von der Sehnsucht nach dem Meer. Shanties erzählen von fernen Häfen und von Geschichten über Menschen, die aufbrechen, während andere bleiben. 

Der Seemann erscheint darin als Verkörperung von Freiheit und Abenteuer, als Grenzgänger zwischen den Welten, der ferne Länder kennt.


Doch Dörte Hansen stellt dieser Romantik etwas anderes gegenüber. Der Seefahrer wird zum Inselbewohner mit der Enge einer Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln kennt. Der Roman erzählt von familiären Bindungen, Erwartungen, wirtschaftlichen Zwängen und den Veränderungen, die Menschen hinnehmen müssen, wenn ihre Welt sich wandelt. Ein Lebensentwurf trifft auf gegenwärtige Realitäten.


Blick durch Ringlicht auf das gemalte Porträt

Was bleibt von unseren Träumen?

Gerade die Figur des ehemaligen Hochsee-Kapitäns wurde für mich zum Sinnbild dieser Spannung:

Was bleibt von einem Menschen, wenn das Leben und der Beruf, den er gewählt hat, verschwindet? Was bleibt von den Träumen der Jugend? Was bleibt von der eigenen Identität?


Was macht einen noch aus? Und welche Teile der eigenen Geschichte trägt man weiter mit sich, selbst wenn das Leben längst einen anderen Verlauf genommen hat? Was verblasst aber auch und verliert an Bedeutung mit ein bisschen Abstand?


Solche Fragen beschäftigen mich andauernd - auch in meiner Malerei.


Was bleibt von einem Menschen, wenn das Leben, das er geplant hatte, nicht mehr existiert?

Literatur verändert unseren Blick

Als das Porträt Claas entstand, dachte ich nicht an eine konkrete Figur.

Und doch war die Atmosphäre des Romans präsent. Ich sah in dem Gesicht nicht nur einen Menschen, sondern auch die Geschichte eines gelebten Lebens: Jahre auf See, Erfahrungen, Verluste, Anpassungen, Entscheidungen.


Literatur verändert, was wir sehen.

Sie legt sich wie eine zweite Schicht über die Wirklichkeit. Bilder und Geschichten beginnen miteinander zu verschmelzen.


Wenn ich Menschen male, erzähle ich mir oft eine Geschichte über sie. Nicht um sie festzulegen, sondern um Räume für Bedeutung zu öffnen.


Warum mich dieses Thema nicht loslässt

Das Bild Claas handelt für mich letztlich nicht von Seefahrt.


Es handelt von Veränderung und Identität.


Es handelt vom Abschied nehmen und der Frage, wie wir mit Wandel leben. Und davon, was von uns bleibt, wenn sich die Welt um uns herum verändert.


Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Verbindung zwischen Literatur und Malerei: Beide helfen uns, diesen Fragen nachzugehen.


Das Bild "Claas" ist für mich nicht die Darstellung eines Seemanns. Es ist die Darstellung eines Menschen im Wandel.

Abonniere mein ‚Laborjournal‘: dann erfährst du sofort, wenn ich dort weitere Bilder präsentiere, meine Werke auf einer Ausstellung zeige oder ein Event im Atelier stattfindet und natürlich wenn ich neue Blogartikel veröffentliche.


Newsletter abonnieren

Diesen Beitrag teilen:

Laborjournal - der Atelier Blog

Forschung und Wissenschaft über Bildwirkung und Wahrnehmung von Kunst
von Claudia Brasse 30. Juli 2026
Warum bleiben manche Bilder ein Leben lang im Gedächtnis? Eine verständliche Einführung in die Psychologie der Bildwirkung, von Vertrautheit und Erinnerung bis zur Frage, warum uns bestimmte Kunstwerke über Jahrzehnte begleiten.
Künstlermaterialien, Arbeitsplatz im Atelier
von Claudia Brasse 27. Juli 2026
Ein Atelierbesuch eröffnet einen besonderen Zugang zu Kunst. Bei Offenen Ateliers bekommst du echte, unmittelbare Einblicke in künstlerisches Schaffen: ein Erlebnis.
Kulisse unseres früheren Lebens - Einrichtung von Eltern oder Verwandten im Wohnzimmer
von Claudia Brasse 21. Juli 2026
Unser Kunstgedächtnis wird nicht nur von uns bewußt geprägt, aus gewohnten Umgebungen bleiben unbewußt wahrgenommene Bilder in unserem Gedächtnis gespeichert
Besucherinnen bei der Bildbetrachtung in einer Ausstellung
von Claudia Brasse 3. Juli 2026
Manchmal suchen wir ein Bild. Manchmal sucht das Bild uns. Begegnen wir Kunst offen, passiert oft etwas Überraschendes.
Queen Elizabeth II. - Portrait, Acryl/Ölmalerei auf Leinwand, Claudia Brasse - Labor der Malerin
von Claudia Brasse 9. April 2026
Warum Queen Elizabeth II. für zeitlose Werte steht – und wie daraus ein gemaltes Porträt entstand. Ein Kunstessay über Haltung, Bildsprache und Beständigkeit.
Watt im Winter - düstere Landschaft an der Nordsee - Gemälde von Claudia Brasse
von Claudia Brasse 18. Dezember 2025
Meine geliebte Nordsee erdet und erfrischt mich. Zu jeder Jahreszeit. Der Anker ist ein Symbol mit vielen Bedeutungen. Finde heraus, was mich daran inspiriert.
Weitere Blogbeiträge