Zur See: Wie ein Roman mein Bild „Claas“ beeinflusste - über Wandel und Identität
Was bleibt von einem Menschen, wenn der Beruf, der ihn geprägt hat, verschwindet?
Diese Frage begleitete mich während der Lektüre von Zur See von Dörte Hansen – und sie beschäftigte mich auch noch, als das Porträt Claas entstand.

Eine Romanfigur, die nachhallt
Manchmal beginnt ein Bild nicht mit einem realen Menschen, sondern mit einer Geschichte.
Als ich Zur See von Dörte Hansen las, hat eine Figur einen besonders starken Eindruck bei mir hinterlassen: der ehemalige Kapitän zur See, der nun auf einer Fähre arbeitet. Die Vorstellung hat mich beschäftigt. Ein Mann, der einst auf dem offenen Meer unterwegs war, dessen Leben von Weite, Risiko und Ungewissheit geprägt war, fährt nun Tag für Tag dieselbe Strecke. Immer dieselben Anlegemanöver. Dieselben Fahrpläne. Dieselben Ufer.
Dieser Gegensatz hat mich berührt. Was für ein Wendepunkt im Leben!
Die Sehnsucht nach dem Meer
Ich habe Seemänner nie wirklich kennengelernt. Meine Vorstellung von ihnen stammt aus Romanen, Filmen, Liedern und Bildern. Sie ist geprägt von der Sehnsucht nach dem Meer. Shanties erzählen von fernen Häfen und von Geschichten über Menschen, die aufbrechen, während andere bleiben.
Der Seemann erscheint darin als Verkörperung von Freiheit und Abenteuer, als Grenzgänger zwischen den Welten, der ferne Länder kennt.
Doch Dörte Hansen stellt dieser Romantik etwas anderes gegenüber. Der Seefahrer wird zum Inselbewohner mit der Enge einer Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln kennt. Der Roman erzählt von familiären Bindungen, Erwartungen, wirtschaftlichen Zwängen und den Veränderungen, die Menschen hinnehmen müssen, wenn ihre Welt sich wandelt. Ein Lebensentwurf trifft auf gegenwärtige Realitäten.

Was bleibt von unseren Träumen?
Gerade die Figur des ehemaligen Hochsee-Kapitäns wurde für mich zum Sinnbild dieser Spannung:
Was bleibt von einem Menschen, wenn das Leben und der Beruf, den er gewählt hat, verschwindet? Was bleibt von den Träumen der Jugend? Was bleibt von der eigenen Identität?
Was macht einen noch aus? Und welche Teile der eigenen Geschichte trägt man weiter mit sich, selbst wenn das Leben längst einen anderen Verlauf genommen hat? Was verblasst aber auch und verliert an Bedeutung mit ein bisschen Abstand?
Solche Fragen beschäftigen mich andauernd - auch in meiner Malerei.
Was bleibt von einem Menschen, wenn das Leben, das er geplant hatte, nicht mehr existiert?
Literatur verändert unseren Blick
Als das Porträt Claas entstand, dachte ich nicht an eine konkrete Figur.
Und doch war die Atmosphäre des Romans präsent. Ich sah in dem Gesicht nicht nur einen Menschen, sondern auch die Geschichte eines gelebten Lebens: Jahre auf See, Erfahrungen, Verluste, Anpassungen, Entscheidungen.
Literatur verändert, was wir sehen.
Sie legt sich wie eine zweite Schicht über die Wirklichkeit. Bilder und Geschichten beginnen miteinander zu verschmelzen.
Wenn ich Menschen male, erzähle ich mir oft eine Geschichte über sie. Nicht um sie festzulegen, sondern um Räume für Bedeutung zu öffnen.
Warum mich dieses Thema nicht loslässt
Das Bild Claas handelt für mich letztlich nicht von Seefahrt.
Es handelt von Veränderung und Identität.
Es handelt vom Abschied nehmen und der Frage, wie wir mit Wandel leben. Und davon, was von uns bleibt, wenn sich die Welt um uns herum verändert.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Verbindung zwischen Literatur und Malerei: Beide helfen uns, diesen Fragen nachzugehen.
Das Bild "Claas" ist für mich nicht die Darstellung eines Seemanns. Es ist die Darstellung eines Menschen im Wandel.
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