Jan, Hein, Claas und Pit - von Shanties und Sehnsucht und warum ich Seemänner male

Claudia Brasse • 20. August 2026

Ich male Männer mit Bärten. Seemänner.


Das war keine bewusste Entscheidung. Irgendwann waren sie einfach da: Jan, Hein, Claas und Pit. Als ich den Bildern ihre Namen gab, gab es kein Zögern - Ich musste sofort an ein Lied denken, das ich seit meiner Kindheit kenne:


„Jan und Hein und Claas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.“

Vielleicht beginnt meine Vorstellung vom Seemann genau dort. Nicht im Hafen und nicht auf einem Schiff, sondern in Liedern und Geschichten. In den Shanties meines Großvaters. In den Kassetten mit Seemannsliedern, die ich von ihm bekam, und die später sogar ein Stillleben inspirierten. In Romanen, Filmen und den Erzählungen, die das Meer seit Jahrhunderten umgeben.


Ich habe Seemänner nie wirklich kennengelernt. Meine Vorstellung von Seemännern stammt aus zweiter Hand. Sie entstammt einer Sehnsucht.


Stillleben mit Kassette und Pfeife inspiriert von den Shantie und Seemannslieder Kassetten meines Opas

Die Sehnsucht nach dem Horizont

Der Seemann steht für Aufbruch, Freiheit, Fernweh und die Weite hinter dem Horizont. Er kennt ferne Häfen und Länder und Geschichten, die Menschen an Land nie erleben werden. Er verlässt das Vertraute und kehrt irgendwann zurück. In Liedern wirkt er stark, unabhängig und wetterfest. Jemand, der Wind und Wellen trotzt und seinen Kurs hält.


Vielleicht faszinieren mich deshalb die kernigen Typen mit ihren wettergegerbten Gesichtern. Doch eigentlich interessiert mich weniger die Person als das Bild.


Denn der Seemann ist längst mehr als ein Beruf. Er ist eine kulturelle Figur geworden. Eine Projektionsfläche für Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit.


Das Bild vom Seemann ist zu einer kulturellen Figur geworden, einer Projektionsfläche für Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit.

Warum irritiert mich diese Faszination?

Genau deshalb frage ich mich manchmal, warum mich diese Figur so anzieht.


Denn ich wünsche mir keine Rückkehr zu alten Rollenbildern. Emanzipation bedeutet mir zu viel. Ich glaube nicht, dass früher alles besser war. Die Freiheiten, die wir heute haben, möchte ich nicht missen.


Warum also berührt mich ausgerechnet dieses traditionelle Männerbild?

Warum funktionieren Shanties und Seemannslieder bis heute?

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es um Sehnsucht nach der Vergangenheit geht.


Gemälde eines Seemanns mit Tattoo und Blick in die Ferne   Thema Freiheit und Sehnsucht

Die Sehnsucht hinter der Sehnsucht

Vielleicht suche ich in diesen Bildern etwas anderes.

Mut.

Verlässlichkeit.

Zusammenhalt.

Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.


Der Seemann erscheint in vielen Geschichten als jemand, der seinen Platz kennt und gebraucht wird. Nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer Mannschaft.


Mich berührt genau das.


Nicht die Härte. Nicht die vermeintliche Unabhängigkeit.

Sondern die Vorstellung, dass Menschen füreinander einstehen und gemeinsam etwas tragen.


Romantik und Wirklichkeit

Natürlich weiß ich, dass Seefahrerromantik viel mit Legendenbildung zu tun hat.


Die Wirklichkeit besteht aus harter Arbeit, Routine, körperlicher Belastung und wirtschaftlichem Druck. Das Leben auf See beginnt und endet nicht an der Gangway. Mit Abenteuer hat der Alltag vieler Seeleute vermutlich wenig zu tun.



Trotzdem verschwindet meine Faszination nicht.

Im Gegenteil. Vielleicht entsteht echter Respekt gerade dort, wo die Romantisierung endet. Denn hinter jedem Mythos stehen reale Menschen.


Warum Santiano funktioniert

Und dennoch: Ich liebe Shanties. Die traditionellen, aber besonders die modernen, rockigen.


Ich bin wahrhaftig kein Schlagerfan. Aber eingängige Melodien, Rhythmen, bei denen man mitmuss, und Texte, die man mitsingen kann, verfangen bei mir. Und offenbar bin ich damit nicht allein. Santiano füllt Konzerthallen mit Liedern über Freiheit, Liebe, Fernweh und Zusammenhalt.


Warum?


Vielleicht, weil diese Lieder etwas ansprechen, das viele Menschen kennen: die Sehnsucht nach Freiheit, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach einem Leben, das Bedeutung hat.


Diese Sehnsucht kenne ich auch.



Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage: Sind Freiheit und Zugehörigkeit wirklich Gegensätze? Oder suchen wir nicht alle nach beidem zugleich?


Sind Freiheit und Zugehörigkeit wirklich Gegensätze?

Jan, Hein, Claas und Pit

Wenn ich meine Porträts betrachte, frage ich mich deshalb nicht nur, wer diese Männer sind. Ich frage mich auch, warum ich sie male.


Stehen sie für die Sehnsucht nach einem vergangenen Männerbild? Für mich nicht. Aber sie stehen für Werte, die ich mit diesen Figuren verbinde. Sie sind eine Projektionsfläche für Mut, Verlässlichkeit und Gemeinschaft. Für Menschen, die Verantwortung übernehmen und ihren Platz in einer größeren Geschichte haben.


Jan, Hein, Claas und Pit sind deshalb weniger Porträts von Seemännern als Porträts einer Sehnsucht.


Sie erzählen am Ende vermutlich mehr über mich als über die Männer, die sie darstellen.


Und vielleicht erzählen sie auch etwas über dich, wenn du dich in ihnen wiederfindest.


Wenn du in die Welt meiner Seefahrer (und einer Seefahrerin!) eintauchen möchtest, schau dir die Bilder in der Galerie an:


➡️ Geliebte Nordsee Galerie

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