Was zeigt mir ein Gesicht – und was zeigt es mir nicht?

Claudia Brasse • 4. November 2026

Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen nicht unser ganzes Leben damit verbringen, gesehen werden zu wollen und gleichzeitig einen Teil von uns verborgen zu halten.



Vielleicht fasziniert mich deshalb das Porträt. Und vielleicht fasziniert mich deshalb der Mensch.


Über erste Eindrücke, Biografien und die Kunst des Hinschauens

Es gibt Menschen, die behaupten, man könne Gesichter lesen wie ein offenes Buch.

Ich bin mir da nicht so sicher.


Natürlich verrät ein Gesicht etwas. Es erzählt von gelebten Jahren, von Erfahrungen, Hoffnungen, Enttäuschungen. Manchmal genügt ein flüchtiger Blick, und wir glauben zu wissen, wer uns gegenübersitzt. Wir halten jemanden für selbstbewusst, verletzlich, verschlossen oder offen. Unser Gehirn liebt solche Abkürzungen.


Und doch habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die interessantesten Menschen jene waren, die sich gerade nicht auf den ersten Blick erschlossen. Und lernen wir nicht auch mit der Zeit, unser Innerstes gut zu verbergen?



Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum mich Gesichter als Malerin so faszinieren: weil sie mehr Fragen stellen, als dass sie Antworten geben. 


„Interessant wird ein Mensch für mich oft erst dort, wo ein Blick unter die Oberfläche möglich wird.“


Die feinen Risse in der Oberfläche

Manchmal sitze ich einem Menschen gegenüber und merke plötzlich: Jetzt wird es interessant.

Nicht unbedingt dann, wenn die Unterhaltung besonders brillant ist oder jemand den Raum mit Charisma füllt.


Es sind meist diese kleinen Momenten dazwischen, wenn das souveräne Auftreten für einen Augenblick ins Nachdenkliche kippt. Oder wenn sich hinter großer Entschlossenheit plötzlich Unsicherheit zeigt. Wenn Worte nicht ganz dieselbe Geschichte erzählen wie Blick und Körpersprache und so Brüche erkennbar werden - dann wird es für mich spannend. Solche Ambivalenzen versprechen mehr.  Alles Glatte ist mir hingegen suspekt.


Zunächst sehen wir nur die Oberfläche, bekommen manchmal eine polierte Fassade präsentiert. Interessant wird es, wenn dahinter etwas durchscheint – etwas ganz Helles oder auch etwas Dunkles. Wir sind alle widersprüchlich, weil wir gleichzeitig mutig und ängstlich, stark und verletzlich, entschlossen und zweifelnd sein können.



Gerade dort, wo etwas nicht ganz zusammenpasst, beginnt für mich oft das eigentlich Menschliche.


Der Riss, durch den das Licht fällt

Dieser Gedanke begleitet mich nicht nur in der Begegnung mit Menschen, sondern auch in meiner Malerei.


Eines meiner Bilder trägt den Titel The Crack Is Where the Light Can Enter. Er ist angelehnt an ein Zitat von Rumi und eine Liedzeile von Leonhard Cohen. Diesen Titel hat das Bild erst spät im Entstehungsprozess gefunden. Dabei ging es mir nicht um die romantische Verklärung von Verletzungen. Mich beschäftigte vielmehr die Vorstellung, dass Risse nicht nur etwas Trennendes sein müssen.

Sie können auch Öffnungen sein.


„So gesehen gibt es die zwei Richtungen, durch die ein Riss etwas hindurchlassen kann.“


Wenn ich das Bild heute betrachte, sehe ich dunkle Linien, die sich durch die Komposition ziehen wie Spuren gelebter Erfahrungen. Sie durchbrechen die Oberfläche, schaffen Spannung, verbinden scheinbar getrennte Räume. Und mitten darin entsteht Licht. Ich sehe auch die hellen Linien, durch die das Licht strahlt oder eindringt. 



Abstraktes Gemälde von vorwiegend hellen Flächen mit dunklen Kanten, Farbspuren und Mustern in vielen Ebenen von Claudia Brasse


Vielleicht ist das mehr als ein malerisches Motiv. Vielleicht ist es auch eine Metapher für das Menschsein.

Denn oft sind es gerade die Erfahrungen, die wir uns nicht ausgesucht hätten, die uns Tiefe verleihen. Krisen. Verluste. Umwege. Zeiten des Zweifelns. Nichts davon würde man freiwillig bestellen. Aber vieles davon prägt uns auf eine Weise, die später sichtbar wird. Nicht immer laut. Nicht immer offensichtlich. Aber doch erkennbar.


Vielleicht suchen wir deshalb in Gesichtern nach Geschichten.

Weil wir ahnen, dass es dort noch mehr gibt, als wir auf den ersten Blick sehen. 


„Nicht die schöne Oberfläche berührt mich. Sondern die Stellen, an denen das Leben sichtbar geworden ist.“


Hinter jedem Gesicht liegt eine Biografie

Vielleicht sehe ich das auch deshalb so, weil ich im Laufe meines Berufslebens Menschen aus sehr unterschiedlichen Welten begegnet bin: Führungskräfte, Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler, Ingenieure, Handwerker - Menschen mit beeindruckenden Lebensläufen ebenso wie Menschen, deren Leistungen weniger offensichtlich waren.


Viele schienen auf den ersten Blick eindeutig einzuordnen zu sein. Auf den zweiten waren sie es fast nie. Hinter jedem Gesicht liegt eine Biografie. Ein dichtes Geflecht aus Entscheidungen, Zufällen, Erfolgen und Niederlagen. Aus Hoffnungen, die sich erfüllt haben, und solchen, die aufgegeben werden mussten. Aus Wegen, die gegangen wurden, und solchen, die plötzlich endeten.


Wir sehen den Moment.

Die Jahrzehnte dahinter sehen wir nicht.


Vielleicht wirkt jemand unnahbar und hat einfach gelernt, sich zu schützen. Vielleicht erscheint jemand gelassen und hat dafür einen langen inneren Weg zurückgelegt. Vielleicht begegnet uns ein fröhlicher Mensch, der gerade eine schwierige Zeit durchlebt.


Je älter ich werde, desto mehr Respekt habe ich vor dem Unsichtbaren. Denn wir wissen meist sehr wenig voneinander.


Warum ich Porträts male

Wenn ich ein Porträt male, suche ich deshalb nicht in erster Linie nach äußerlicher Ähnlichkeit.

Natürlich soll der Mensch erkennbar sein. Aber das allein genügt mir nicht. Mich interessiert der Moment, in dem eine Persönlichkeit durchscheint. Eine Spannung. Eine Frage. Ein Widerspruch vielleicht. Etwas, das sich nicht vollständig erklären lässt.


Manchmal denke ich, ein gelungenes Porträt sollte weniger ein Abbild sein als eine Einladung zum Hinschauen. Es sollte nicht sagen: „So sieht dieser Mensch aus.“ Es sollte eher fragen: „Wer könnte dieser Mensch sein?“ Und diese Frage darf offen bleiben. Ja, sie sollte es sogar.


Denn sobald wir glauben, einen Menschen vollständig zu kennen, hören wir auf, ihn wirklich wahrzunehmen. Wenn wir offen und neugierig bleiben und fragen „wer bist du?“, wenn wir wirklich sehen und verstehen wollen, dann bleiben wir in Verbindung. 


Mit einem abstrakten Hintergrund verbundenes, teils verschwommenes Porträt einer Frau mit Turban und großen, bunten Ohrringen, mit verträumtem Blick nach Links

Das Geheimnis bleibt

Vielleicht liegt die eigentliche Schönheit eines Gesichts darin, dass es sich niemals vollständig entschlüsseln lässt.


Selbst Menschen, die wir seit Jahrzehnten kennen, überraschen uns noch. Plötzlich erfahren wir etwas, das wir nie geahnt hätten. Da ist eine Erinnerung. Eine Angst bricht sich Bahn. Eine Sehnsucht wird benannt. Eine ungeahnte Stärke zeigt sich.

Wir bekommen einen Eindruck von etwas, das immer schon da war und dennoch verborgen blieb. Oder wir erleben etwas, das sich neu entwickelt hat.


Vielleicht gilt das sogar für uns selbst.

Auch unser eigenes Gesicht erzählt nicht jeden Tag dieselbe Geschichte. Es verändert sich mit unseren Erfahrungen. Mit den Entscheidungen, die wir treffen. Mit Verlusten und Neuanfängen. Mit allem, was wir durchleben und was sich irgendwann unausgesprochen in unsere Züge einschreibt.



Ein Gesicht zeigt viel.

Wahrscheinlich mehr, als wir zunächst vermuten.

Aber es zeigt niemals alles.

Und vielleicht liegt genau darin seine Faszination.


„Ein Gesicht ist kein offenes Buch. Eher ein vielschichtiger Roman, von dem wir meist nur eine einzige Seite sehen.“


Und wie ist es bei dir?


Hast du schon einmal einen Menschen völlig anders erlebt, als dein erster Eindruck vermuten ließ?
Oder gibt es jemanden, dessen Geschichte du erst nach Jahren wirklich erfahren hast?


Zum Weiterlesen:


  • Warum faszinieren uns Gesichter? → ...und was die Wissenschaft darüber weiß. Kommt demnächst.





Zu den Bildern:




  • 'With age woman grow more beautiful' → Porträt von Audrey Hepburn in Öl auf Leinwand, 24 x 18 cm. Der Titel ist ein Zitat von ihr. Ich vermute, sie sah ebenfalls die Schönheit von innen, die sich immer mehr offenbart, weshalb ich dieses Bild als Titelbild ausgewählt habe. Dabei handelt es sich um einen digital bearbeiteten Ausschnitt des Gemäldes, der eine dramatische Wirkung erzielt.


  • 'Im Augenblick' - Frauenporträt in Mischtechnik auf Leinwand, 50 x 50 cm.


Beide Porträts findest du in der Galerie - Porträts.


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